Die Anzahl tödlicher Fälle rechter Gewalt in Deutschland ist umstritten. Unterschiedliche Stellen führen eigene Zählungen, die jeweils auf eigenen Kriterien und Abgrenzungen beruhen. Diese Unterschiede sind nicht bloß eine Frage der Statistik, sondern haben unmittelbare und konkrete Auswirkungen darauf, wie das Ausmaß rechter Gewalt wahrgenommen und öffentlich diskutiert wird.
Die polizeiliche Erfassung in der Kategorie „Politisch motivierte Kriminalität – rechts“ (PMK-rechts) ist das staatlich etablierte Erfassungssystem. Die polizeilichen Definitionen wurden von den 1950er Jahren bis in die Gegenwart schrittweise erweitert. Zunächst galten nur Delikte, die auf Systemüberwindung ausgerichtet waren, als politische Kriminalität. Diese im Strafgesetzbuch genannten „klassischen“ oder „echten“ Staatsschutzdelikte (wie Hochverrat) werden auch heute noch erfasst. Seit der Einführung des Kriminalpolizeilichen Meldedienstes in Fällen Politisch motivierter Kriminalität (KPMD-PMK) im Jahre 2001 werden jedoch auch Fälle von so genannter Hasskriminalität gezählt. Als ausschlaggebend wird dabei das tatauslösende Motiv verstanden, eine tateskalierende politische Motivation reicht für die Aufnahme in dieser Statistik in der Regel bis heute nicht aus. Im Vergleich zu anderen Statistiken weist die PMK-rechts die niedrigsten Fallzahlen aus.
Andere Systeme entstanden aus journalistischer und zivilgesellschaftlicher Dokumentation. Großen Einfluss auf die öffentliche Diskussion hatte insbesondere die sogenannte „Jansen-Kleffner-Liste“. Diese Liste von Todesopfern rechtsextremer Gewalt in Deutschland wurde von dem Journalisten Frank Jansen und der Journalistin Heike Kleffner im September 2000 erstmals erstellt. Sie wurde seither in gewissen Abständen aktualisiert und im Tagesspiegel bzw. in der ZEIT veröffentlicht. Beteiligt sind inzwischen auch weitere Personen, publiziert wird aktuell nur noch auf ZEIT ONLINE. Nach eigenen Angaben liegt den Zahlen der ZEIT auch die „offizielle Definition“ der PMK zugrunde. Doch unterscheiden sich journalistische Arbeitsweise und Quellenbasis stark von der behördlichen Klassifikationspraxis. Der Vorwurf der ZEIT lautet, die PMK werde „in den 16 Bundesländern unterschiedlich oder falsch angewendet“. Die Fallzahlen sind deutlich höher als in der PMK-Statistik.
Die unterschiedlichen Zählweisen und daraus resultierenden Differenzen in den Fallzahlen machen Vergleiche schwierig. Zugleich eröffnen sie aber wichtige Perspektiven. Das Themenportal verweist nicht auf eine einzelne „richtige“ Zahl. Mit den Klassifikationen „PMK“ und „ZEIT“ stellt es die verschiedenen Systeme nebeneinander und macht ihre Unterschiede sichtbar. Es zeigt sich, dass staatliche Stellen Gewalt nicht in jedem Fall als „rechts“ einordneten. Dies wird von Forschung und Zivilgesellschaft auch als Ausdruck einer lange bestehenden Schieflage in der Wahrnehmung und Bearbeitung rechter Gewalt diskutiert.
Aufgrund der öffentlichen Diskussion über die stark abweichenden Fallzahlen wurden in Berlin, Brandenburg und Thüringen unabhängige Forschungseinrichtungen beauftragt, die strittigen Fälle zu überprüfen. Die vom Moses Mendelssohn Zentrum (Potsdam) und vom Zentrum für Antisemitismusforschung (Berlin) empfohlenen zusätzlichen PMK-Einstufungen wurden dabei vollständig in die PMK-Statistik übernommen. In Thüringen steht die Entscheidung des Landesinnenministeriums aktuell noch aus.
Stand: 28.10.2025
Weiterführende Informationen:
- Amadeu Antonio Stiftung: Zum Begriff ‚rechte Gewalt‘ und den Kriterien für eine Aufnahme als Todesopfer rechter Gewalt, URL: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/opferfonds-cura/kriterienrechtegewalt.
- Bundeskriminalamt: Politisch motivierte Kriminalität – rechts, URL: https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/PMKrechts/PMKrechts_node.html.
- Bundeskriminalamt: Definitionssystem Politisch motivierte Kriminalität, hrsg. vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat; Bundesministerium der Justiz und Verbraucherschutz, Berlin 2024, URL: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/sicherheit/definitionssystem-pmk.pdf?__blob=publicationFile&v=2#page=5.
- Feldmann, Dorina, Kopke, Christoph, Schultz, Gebhard (2016). Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt in Brandenburg (1990–2008). Zur Problematik der statistischen Erfassung politisch motivierter Kriminalität, in: Frindte, W., Geschke, D., Haußecker, N., Schmidtke, F. (Hrsg.): Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“, Wiesbaden, S. 341–358.
- Feldmann, Dorina; Michael Kohlstruck; Max Laube; Gebhard Schultz; Helmut Tausendteufel: Klassifikation politisch rechter Tötungsdelikte – Berlin 1990 bis 2008, 2., überarb. Auflage, Berlin 2018, DOI: http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-7154.
- Kleffner, Heike; Johannes Grunert; Toralf Staud; Martín Steinhagen: „Todesopfer rechter Gewalt: Wieso fehlen 86 Tote in den Zahlen?“, Die Zeit, 07.07.2025, URL: https://www.zeit.de/gesellschaft/2025-07/todesopfer-rechter-gewalt-faelle-statistik-personen/komplettansicht.
- Kopke, Christoph; Gebhard Schultz: Studie zu Todesopfern rechtsextremer und rassistischer Gewalt in Brandenburg, Potsdam 2015, URL: https://todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de/wp-content/uploads/2021/12/MMZ-Forschungsbericht-Studie-Todesopfer-rechtsextremer-und-rassistischer-Gewalt-in-Brandenburg-29062015.pdf.
- Laube, Max: „Von Hochverrat zu ‚Deutschfeindlichkeit‘ – Politische Kriminalität als Concept Creep“, in: KrimOJ, No. 4/2024, DOI: https://doi.org/10.18716/ojs/krimoj/2024.4.5.